Die Praktiken der Jost Group

Seit 2015 ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen die rumänischen und slowakischen Tochtergesellschaften der Jost-Group wegen Sozialbetrug und Menschenhandel. Jetzt sorgt eine Untersuchung der CSC Transcom für viel Aufsehen. Die Recherchen enthüllten Praktiken von Sozialdumping und unlauterem Wettbewerb der Jost Group, deren belgische Filiale in Herstal angesiedelt ist. Die CSC Transcom fordert nun die Intervention des Lütticher Arbeitsauditorats. Über die zweifelhaften Praktiken der Jost Group sprachen wir mit Roberto Parillo, Verantwortlicher der CSC Transcom für den Sektor Straßentransport und Logistik.

Weshalb hat die CSC Transcom diese Untersuchung durchgeführt?

Bei all den negativen Auswirkungen der Coronakrise mussten wir feststellen, dass sie uns doch geholfen hat, einiges aufzudecken. Während die Jost-Fahrer mit belgischem Vertrag in Kurzarbeit versetzt wurden, trafen Flugzeuge mit 160 rumänischen Fahrern aus Bukarest ein, um mehrere Wochen zu arbeiten. Die Fahrer kommen in Maastricht an und steigen in einen Bus Richtung Herstal. Und schon am nächsten Tag befördern sie Waren nach Belgien oder von Belgien aus. Wir wurden von unserer luxemburgischen Partnergewerkschaft LCGB kontaktiert, die uns mitteilte, dass sie sich im Großherzogtum in einer ähnlichen Situation befinden. Die meisten belgischen und luxemburgischen Fahrer wurden in Kurzarbeit versetzt und es ist wahrscheinlich, dass Fahrer aus Rumänien an ihrer Stelle fahren.

Haben Sie auch illegale Lohnpraktiken festgestellt?

Wir haben versucht herauszufinden, wie diese rumänischen Fahrer bezahlt werden. Durch Kontakte mit einigen von ihnen hatten wir Zugang zu den Bilanzen von Skiptrans, der rumänischen Tochtergesellschaft von Jost. Die CSC-Experten analysierten diese Bilanzen und stellten fest, dass sie zu rumänischen Löhnen (durchschnittliches Jahresgehalt von 8.000 Euro) mit einer Nettozulage von etwa 55 Euro pro Arbeitstag bezahlt wurden. Das ist in der Tat völlig illegal. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass für einen Fahrer, der in Belgien oder von Belgien aus arbeitet, die Löhne nach den in Belgien geltenden Tarifen gezahlt werden müssen. Das gilt natürlich auch für einen Fahrer mit einem litauischen Vertrag.

Ihre Untersuchungen zeigen auch unwürdige Wohnverhältnisse auf, oder?

Diese Arbeiter werden oft während ihrer Arbeit beschimpft und in Hallen untergebracht. Es stehen nur etwa 20 Betten und drei Toiletten zur Verfügung. Die anderen schlafen in den LKW. So geht man nicht mit Menschen um! Das ist kein Leben. Die Corona-Sicherheitsvorschriften werden auch nicht eingehalten.

Im Juli verabschiedete das EU-Parlament das Mobilitätspaket mit neuen Bestimmungen zur Bekämpfung von Sozialdumping. Hat man jetzt eine bessere Handhabe gegen diese Praktiken?

Mit dem Mobilitätspaket werden wir versuchen, Druck auf die Aufsichtsbehörden auszuüben, damit Vorkehrungen getroffen werden, die dafür sorgen, dass sich solche Situationen nicht wiederholen können. Aber diese Praktiken gibt es seit Jahren und nicht nur bei Jost. Bisher ist nichts geschehen. Es besteht die Gefahr, dass auch Unternehmen, die noch ‚clean‘ sind, Methoden des Sozialdumpings anwenden, um diesem unlauteren Wettbewerb standzuhalten.

Ihre Recherchen weisen auf die Rolle der rumänischen Tochtergesellschaft der Jost Group bei diesen Praktiken hin.

Im Mobilitätspaket wird darauf hingewiesen, dass ein Unternehmen, das den Zugang zum Berufsstand in einem Land beantragt, in diesem Land eine Haupttätigkeit haben muss. Doch alles geschieht in Belgien. Die Firma Skiptrans hat 2007 mit 20 Arbeitern begonnen und jetzt zählt sie deren 845 (!) ohne einen einzigen LKW zu besitzen. Dies deutet darauf hin, dass die Haupttätigkeit nicht in den Räumlichkeiten nördlich von Bukarest, sondern in Belgien angesiedelt ist. Die Fahrer dürfen daher nicht unter rumänischen Lohnbedingungen arbeiten.

Was erwarten Sie von der Justiz?

Der Staatsanwaltschaft liegt bereits ein Jost-Dossier(1) vor, das, wie es scheint, bis Ende des Jahres abgeschlossen sein soll. Was wir aufgedeckt haben, ist ein neues Dossier. Wir werden natürlich dranbleiben. Diese Situation ist nicht hinnehmbar. Es müssen so schnell wie möglich Vorkehrungen getroffen werden.

(1) Seit 2015 ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen die rumänischen und slowakischen Tochtergesellschaften der Jost-Group wegen Sozialbetrug und Menschenhandel. 



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