Klinik St.Vith

„Coronazeit war eine schwierige Zeit für alle, die wir gut gemeistert haben“

Im Vorfeld der Sozialwahlen besuchen wir verschiedene Betriebe und Institutionen, um dort auf die Gewerkschaftsarbeit der Delegationen zu schauen. Unser Weg führte uns auch zum Krankenhaus St.Vith, das mit 486 Beschäftigen als größter Arbeitgeber im Süden Ostbelgiens gilt. Nadja Jacobs und Dajana Andre, beides langjährige und erfahrene Delegierte, gaben uns einen kleinen Einblick in ihre Arbeit. 

Wo lagen die Schwerpunkte eurer Arbeit als Delegierte in den letzten Jahren?

Wir haben auf praktisch allen Stationen mit einem großen Mangel an Pflegepersonal zu kämpfen. Die Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte haben sich in den letzten Jahrzehnten verändert und wir haben auf vieles keinen Einfluss. Zum Beispiel auf die Vorgaben von Gesundheitsministerin Maggie De Block. Die Aufenthaltsdauer für die Patienten nach einer OP wird immer kürzer, sie werden schon nach wenigen Tagen entlassen oder an die Reha verwiesen. Die frisch gebackenen Mütter müssen schon nach zwei Tagen nach Hause entlassen werden, obschon viele gerne noch etwas länger bleiben würden, um sich unter fachlicher Betreuung an diese neue Situation zu gewöhnen. Die Tagesklinik läuft dagegen auf Hochtouren, darunter vor allem auch die Chemotherapien. Die heutigen Pflegekräfte sind also mit einer höher rotierenden Zahl an Patienten und der damit verbundenen Arbeit konfrontiert. Die Zunahme an Dokumentationsarbeit und der Einzug der Informatisierung hat zu einer weiteren Herausforderung für die Pflegekräfte beigetragen.

Das heißt?

Jede Pflegeleistung muss dokumentiert werden und dafür verbringen die Pflegekräfte einen hohen Anteil der Zeit im Pflegebüro. Viele Pflegekräfte sind unzufrieden damit. Sie werden durch diese Büroarbeit abgelenkt von ihrer hauptsächlichen Aufgabe, nämlich der Überwachung und Pflege der Patienten. Schließlich haben sie irgendwann diesen sozialen Beruf gewählt, weil sie sich um Patienten und nicht um Büroarbeit kümmern wollten. Anforderungen und Auflagen des Gesundheitsministeriums für Krankenhäuser, Veränderung des Pflegeberufes sowie der damit verbundene Druck, Stress und Erschöpfung, Verschlechterung der Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Berufsgruppen einer Klinik sind Gründe, weshalb viele Pflegekräfte ihren Arbeitsplatz verlassen oder sogar ihren Beruf aufgeben. So haben auch bei uns viele Kolleginnen und Kollegen die Klinik St.Vith in den letzten Jahren verlassen. Aufgrund des Pflegekräftemangels fällt es ihnen auch nicht schwer, einen neuen Arbeitsplatz zu finden, zum Beispiel bei Kaleido, in der Kinderkrippe, in den Ärztehäusern oder in der Heimpflege. Ungefähr jeder Fünfte ging nach Luxemburg, wo er deutlich mehr verdient. Dem haben wir hier natürlich nichts entgegenzusetzen. 

Wie versucht denn die Klinik, diese Situation zu meistern?

Es wurde neues Personal angeworben, vor allem aus der Wallonie. Mittlerweile ist die Klinik St.Vith daher sehr französischsprachig. So manche Patienten, besonders die Älteren, haben damit ihre Probleme, weil sie sich nicht mit ihrem Pfleger verständigen können, um ihre Bedürfnisse mitzuteilen und gegebenenfalls bis zur nächsten Schicht warten müssen, bis sie endlich jemanden finden, der sie versteht. Auch die kollegiale Zusammenarbeit wird durch das Sprachenproblem beeinträchtigt. Zudem wird vermehrt auf Interimkräfte zurückgegriffen, was aber auch keine definitive Lösung bietet. Zuerst einmal stellen sie eine zusätzliche Belastung für das bestehende Personal dar, weil sie ja eingearbeitet werden müssen. Trotz dieser Maßnahmen bleibt eine ganze Reihe von Arbeitsplätzen unbesetzt. 

Und in dieser Situation wurdet ihr mit Corona konfrontiert…

Ja, das war für alle eine ganz neue Situation. Am Anfang wussten wir nicht viel über das neue Coronavirus und wie damit umzugehen ist. Die Direktion hat uns dann über Newsletter immer wieder mit neuen Informationen auf dem Laufenden gehalten. Im Bettenhaus wurde eine Station durch Umbauarbeiten so verändert, dass zwei Isolierbereiche entstanden. Auf der Coronastation herrschte zu Beginn der Krise viel Stress für alle Beteiligten. Nicht zu vergessen ist dabei das Raumpflegepersonal, welches sehr viel zu tun hatte und in Bereitschaft auch nachts zurückgerufen wurde. Aber davon abgesehen war diese Krisenzeit für den Zusammenhalt und den Teamgeist die beste Periode der letzten Jahre.

Aus der Pflege wurden Mixteams gebildet, um auf der Isolierstation und den anderen bestehenden Stationen die Situation gemeinsam zu meistern. Alle Berufsgruppen arbeiteten Hand in Hand. Wir Mitarbeiter erlebten eine Zeit, in der die oben erwähnten Probleme und Schwierigkeiten zweitrangig wurden. Als zusammen geschweißtes Team stellten wir uns gemeinsam den Herausforderungen mit Covid-19.

Der normale Alltag im Krankenhaus war aber schwer beeinflusst. Es gab keine geplanten OPs (nur Not-OPs), kein Röntgen, keine Sprechstunden, das Haus war zu, der einzige Zugang bot die Notaufnahme und das auch nur über ein Zelt vom roten Kreuz, welches die Patienten schon nach Diagnose und vor allem von Corona trennte.

Der Haupteingang war offen, aber auch nur bis zur Eingangshalle, wo das Schalterpersonal ebenfalls stark gefordert war, beunruhigte Angehörige und Besucher abzuhalten, da ein striktes Besuchsverbot herrschte. Wir empfanden dies als eine schlimme und einsame Zeit für unsere Patienten. Mittlerweile sind die Besuchsregeln etwas gelockert, aber auch noch eingeschränkt.

In einigen Bereichen (wie im Schlaflabor, in der Röntgenabteilung oder bei den Sekretärinnen…) wurde die Kurzarbeit eingeführt. Um aber nicht zu viele Mitarbeiter in Kurzarbeit zu schicken, wurden im Haus auch ungewohnte Tätigkeiten ausgeführt, und jeder passte sich der neuen Situation an. So haben die Sekretärinnen mittags Baguettes verteilt, weil auch die Cafeteria zu war oder Röntgentechniker haben den Wäscheverteildienst der Patienten übernommen. 

Wir durften in dieser Zeit sehr viel Wertschätzung von außen erfahren und wurden gut versorgt: die Augustinerinnenstiftung hat Kuchen für uns gebacken, die Table Ronde brachte uns warme Mahlzeiten und der Delhaize lieferte frisches Obst. Dieser interne und externe Zusammenhalt war für uns eine sehr positive Erfahrung, die wir in dieser Form noch nie erlebt hatten. 

Im November stehen die Sozialwahlen an. Habt ihr genug Kandidaten finden können? 

Nach den letzten Sozialwahlen vor vier Jahren bestand unser Team aus 18 Delegierten (im AGS und im BR). Davon haben uns 6 Krankenpfleger(innen) verlassen. Von den restlichen 12 haben sich 8 erneut auf die Kandidatenliste eingetragen. Unser Ziel war es, alle Listenplätze (24) zu besetzen, und zwar so, dass alle Bereiche abgedeckt werden. Wir sind sehr froh, dass es uns gelungen ist, dieses Ziel zu erreichen. Nur in der Chirurgie und in der Inneren Abteilung konnten wir keine Kandidaten finden. 

Womit werdet ihr euch in den nächsten Jahren befassen? 

Wir werden uns auch weiterhin schwerpunktmäßig mit dem Wohlbefinden der Mitarbeiter und der Personalabwanderung auseinandersetzen. Im Betriebsrat und in Arbeitsgruppen wollen wir uns weiterhin dafür stark machen, dass den oben erwähnten Anforderungen die entsprechenden Anpassungen auf den Stationen folgen, damit unsere Mitarbeiter einen Arbeitsplatz vorfinden, zu dem sie gerne kommen und auch bleiben wollen.

Wir wollen eine andere Lösung für die Auszahlung des Urlaubsgeldes finden und auch in Zukunft darauf achten, dass die Überstundenregelung eingehalten wird. Wir wissen, dass dies bei akutem Personalmangel schwierig ist, jedoch in unseren Augen notwendig für die Gesundheit der Mitarbeiter. 

Ebenfalls sähen wir gerne, dass dem Applaus, der uns in der Coronakrise zuteilwurde, nun auch Taten folgen würden, dies ist eine klare Forderung an die Regierung.

Kurzgefasst ist es unser Anliegen, uns für die Zufriedenheit und das Wohlbefinden unserer Mitarbeiter einzusetzen. Zufriedenes Personal trägt zur Stärkung der Klinik und deren Standort bei. Einsatz für ein Krankenhaus, in dem alle zufrieden sind: die Patienten und das Personal.

Lässt sich die Direktion auf eure Forderungen ein? 

Wir stehen in ständiger Kommunikation mit der Direktion. Es fanden in den letzten Jahren neben den Zusammenkünften vom AGS und vom Betriebsrat noch weitere Treffen mit verschiedenen Gremien statt, in denen der Personalvertretung zeitnah Gehör geschenkt und zu Themen ausgetauscht wurde. Dies waren häufig von uns angefragte Versammlungen, um auf Problematiken hinzuweisen. Denn sehr oft hat das Personal an der Basis von neu entstandenen Schwierigkeiten längst Kenntnis und leidet unter diesen, ehe die Direktion Einblick dazu erhält. Unsere Kollegen bekommen von dieser wichtigen Arbeit der Mitarbeitervertreter selten etwas mit. 

Wir konnten die Gewährung der Ökoschecks um zwei Jahre verlängern, es wurde eine Garage für Fahrräder eingerichtet und auf dem Parkplatz, wo die Autos unseres Personals oft beschädigt wurden, ohne dass sich die Verantwortlichen zu erkennen gaben, wurde ein Pfeilsystem eingerichtet. Ebenfalls gibt es zweimal im Monat einen Obsttag und im Sommer werden wir mit Eis verwöhnt.

Ab Oktober wird sich die Direktion durch die Zusammenarbeit mit dem CHC und den von Maggie de Block geforderten Netzwerken auf 9 Direktoren plus Generaldirektion ausweiten, wobei jeder für einen bestimmen Bereich zuständig sein wird: Paramedizin, Finanzen, Informatik, Infrastruktur, Apotheke, Pflege, Ärzte, Personalmanagement, Qualität. Wir sind gespannt, aber auch ein wenig skeptisch, wie das dann alles laufen wird.

Wir werden die Entwicklung im Auge behalten und uns weiterhin dafür einsetzen, dass sich unser Personal und unsere Patienten in unserer Klinik wohlfühlen.

 

Personalization